Eine lange Zeit hat es mich genervt, wenn Leute sich in eintönigster Weise als Spinozisten bezeichneten und damit glaubten, alle Religionsfragen und dergleichen vom Tisch gewischt zu haben, zugunsten von irgendetwas, das sie für eine kommunizierbare und anerkannte Haltung in allen Fragen hielten. Weder hatte ich Lust, mich mit der Ethik zu befassen noch mit dieser komischen pantheistischen Naturlehre, und auch heute finden Sie meinen Beitrag zu Spinoza nicht, wie man es vielleicht erwarten könnte, in meinem Religionsblog, sondern im Unzeitgemäßen Feuilleton, denn es geht mir nicht um seine theoretischen Ansichten über die Natur oder dergleichen. Diese sind alle recht schön und gründlich durchstudiert – da reizt und lockt mich nichts, da hoffe ich nicht auf neue Erkenntnisse oder besondere Erbauung. Ich werde auch nur in einer Randbemerkung darauf hinweisen, dass E.T.A. Hoffmann wohl aus den Werkstätten von Spinozas Optikstudien wesentliche Anregungen bezogen und im „Sandmann“ ein eigenes Glanzstück der Literatur erschaffen hat, das in ähnlicher Weise von Zeit zu Zeit wieder ganz wichtig genommen werden muss wie manche Werke des sephardischen Meisters.

Von diesem aber wird wohl immer wieder brennend aktuell und alle paar Jahre neu sein Theologisch-Politischer Traktat gelesen werden müssen. Er ist ein jede Liebhaberin der Freiheit stets aufs Neue erschütterndes Dokument von der sich durchringenden Freiheit des Denkens und der Hoffnung auf wirklich demokratische Verhältnisse.

In seiner Einleitung zur Felix Meiner Ausgabe von 1984 schreibt Günter Gawlick:

„Wenn es Spinoza im Tractatus erklärtermaßen um die Verteidigung der Freiheit zu philosophieren ging – hat er dieses Ziel erreicht? Auf den ersten Blick scheint es, als müssten wir die Frage verneinen: der Schock, den das Werk dem Publikum versetzte, führte offensichtlich nicht zur Festigung der Freiheit, sondern dazu, dass sie weiter eingeschränkt wurde… Spinoza wird sich keinen Illusionen über seine Erfolgsaussichten hingegeben haben, denn er wusste, ‚wie hartnäckig jene Vorurteile dem Geist anhaften ,die das Gemüt unter dem Schein der Frömmigkeit angenommen hat.’… Tatsächlich muss man sagen, dass das Werk nur indirekt und langfristig dazu beigetragen hat, das geistige Klima zu liberalisieren, doch das dann um so nachhaltiger.“ (S. xxiii).

Ich will nicht viel mehr Worte machen. Hier zeige ich Ihnen eine Seite meiner Ausgabe, die ich 1984 eben von meinem ersten Stipendiengeld erstanden und gründlichst gelesen habe.

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Ich empfehle Ihnen die Lektüre. Insbesondere jenen, die heute wieder laut schreien und fordern, es müsse sich in den Köpfen der anderen dies und das ändern, und sie müssten sodann beweisen, dass es sich nunmehr verändert habe.

Ein freies Gemeinwesen, das sich auf Freiheit und Menschenrechte gründet, nimmt genau von solchen Forderungen grundsätzlich Abstand. Der freie Mensch kann mit der Freiheit der anderen leben. Das freie Gemeinwesen muss sich vielleicht abgrenzen und die Freiheit in einem gut umgrenzten Bezirk schützen gegen die Übergriffsgelüste anderer, die Freiheit beschneidender, beispielsweise theokratischer Gemeinwesen. Aber sobald es nach innen und von „Unterworfenen“ verlangt, dass sich „in ihren Köpfen“ etwas ändert, hat es seine eigene Freiheit verlassen und verfehlt. Verantwortung für mein eigenes Denken ist mir zumutbar – und ich kann sie auch anderen zumuten, also die Verantwortung für ihr eigenes Denken.

Und persönlich – darum habe ich die kurze Empfehlung des Theologisch-Politischen Traktats in das „Unzeitgemäße Feuilleton“ aufgenommen – bin ich fest davon überzeugt, dass die Freiheit selbst so schön ist, dass sie immer die Menschen wieder für sich einnehmen und für sich gewinnen kann. Wer ihr das nicht mehr zutraut, hat sich doch längst von ihr verabschiedet. Und ich kann nur appellieren: Tun Sie das nicht. Überlegen Sie es sich lieber noch einmal. Sie ist hart errungen. Und sie ist immer noch sehr schön, wo sie sich zeigen darf.

 

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