Neulich sah ich mit Freunden zusammen den Film „Ôtez-moi d’un doute“ von Carine Tardieu (deutsch im Kino als: „Eine bretonische Liebe“). Er war wirklich sehr lustig, gehört aber eher ins zeitgemäße als ins unzeitgemäße Feuilleton, und wird da auch überall besprochen. Im Nachgespräch beim Mexikaner wurde uns bald allen klar: wahrscheinlich wird es noch auf Jahrzehnte hinaus den Französinnen vorbehalten bleiben, weibliche Sexualität so direkt und gleichzeitig charmant zu thematisieren, dass man sie plötzlich augenblicksweise für selbstverständlich halten möchte: also dass Frauen ein Begehren haben, es ausdrücken und dass das der Kultur keineswegs schadet, sondern ihr gut tut. Normalerweise, also im Rest der Welt, ist es ja eher so, dass alle entweder schreiend weglaufen oder heimlich hinlaufen oder beides, wo sie von dem Phänomen „Frau, die begehrt und darüber spricht“ hören. Die Zeiten, in denen in den USA „Sex and the City“ ein Renner waren, sind definitiv vorbei, und längst kann man auch in dem, was von der westlichen Welt noch übrig ist, wieder den Eindruck haben, dass eigentlich so ziemlich alle Kulturen dieser Welt nichts anderes sind als ein elaborierter Abwehrzauber gegen die weibliche Sexualität.

Gegen diese vermeintlich dämonische Urkraft der Natur bieten in weiten Teilen der Welt  die Völker immer noch brachiale Beschneidungspraktiken auf, weitere Teile der Welt unterdrücken jedes geringste Anzeichen von Freiheit der Frauen, und selbst in der sogenannten freien Welt ist die weibliche Sexualität so durchanalysiert, durchgeplant, verzweckt, neutralisiert und von Schutzzonen umhegt, dass es immer weniger vorstellbar wird, es könnte sich bei irgendeiner Frau noch von ihr aus irgendwas regen, das nach einem erotischen Wunsch aussieht, um von Gefahren zu schweigen. Die weibliche Sexualität ist weltweit vielleicht kein Papier-, aber doch mindestens ein Stofftiger geworden – und sich anzusehen, wie schwarz eingekleidete Geistliche mit weißgewaschenen Sadistenpfoten auf dieses scheinbar so bedrohliche Ungetüm einprügeln, müsste selbst die selige Aphrodite aus ihrem „genitalen Ernst“ herauslocken und zum Lachen reizen.

 

Das war vermutlich in der Realität nur zu sehr wenigen Zeiten und an sehr wenigen Orten in der Geschichte anders. Und dass auch der gute Wille von Feministinnen und ihren Unterstützern immer mal wieder anderes als das, was er eigentlich zum Ziel hatte, erreicht, gehört zu den Gemeinheiten historischer Dialektik. Bis heute weiß eigentlich niemand, wie man mit dem der Religion gleichuniversalen Phänomen der Prostitution zum Beispiel so umgehen soll, dass die in diesem Bereich ausgebeuteten und geschändeten Frauen es besser haben – und dass vielleicht auch Männer nicht mehr auf derartige „Handelsbeziehungen“ angewiesen sind, um sich selbst für die Askeseforderungen ihres beruflichen und sozialen Lebens zu entschädigen.

Gegenüber dem Zustand vor 100 Jahren hat sich in Europa dennoch einiges geändert. Nach der Psychoanalyse und den verschiedenen feministischen Bewegungen, die sich mit mehr oder weniger Raffinesse des Themas annahmen, wird Prostitution bei halbwegs seriösen Menschen nicht mehr für eine Spielart genuin weiblicher Sexualität gehalten, sondern nüchterner als das gesehen, was sie ist: bestenfalls eine Weise, sich die Verrücktheiten der männlichen Triebstrukturen und der Verhältnisse, in denen überwiegend Männer über den gesellschaftlichen Reichtum verfügen, weiblicherseits zunutze zu machen, um zu etwas Wohlstand zu kommen. Meistens funktioniert nicht einmal das, sondern das Geld, das Frauen mit ihren Körpern verdienen, landet wiederum in Männerhänden, die Frauen bleiben Tauschobjekte in einem klandestinen, aber gut funktionierenden Handel zwischen „Licht-“ und „Schattenwirtschaften“.

Die Grenzübergänge zwischen diesen beiden Männerwirtschaften pflegen insbesondere in kriegerischen und in Nachkriegszeiten etwas unregelmäßiger zu sein als in Friedenszeiten. In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg begannen auch Bürgersöhne, sich intensiver für die sogenannte Halbwelt zu interessieren. Dass sie ihre „sexuelle Initiation“ üblicherweise bei Prostituierten erhielten, gehörte durchaus immer schon zu ihrer Einführung in das männliche Doppelleben, ohne das die bürgerlichen Gesellschaften nie funktioniert haben. Aber man sprach eben nicht darüber. Bürgerliche Frauen übersahen das Nebenleben der Männer systematisch und wandten sich den „gefallenen Mädchen“ entweder strafend oder erbarmend und, wenn sie noch nicht völlig gebrochen waren, sicher immer auch ein bisschen voyeuristisch zu. Aber im übrigen „schlossen sie die Augen und dachten an England“. Den rebellischeren Männern der spätbürgerlichen Zeiten war neben anderen Aspekten auch dieser Aspekt der bürgerlichen Verlogenheit unangenehm geworden, und es drängte sie, über ihre „Hurerei“ auch zu schreiben.

So haben wir aus dieser Zeit zum Beispiel die essayistischen „Dirnentexte“ von Walter Benjamin und „Die Tigerin“ von Walter Serner. Sigmund Freud vertrat die Ansicht, dass nur „Schwächlinge“ sich ernsthaft in den Triebverzicht der Kultur drängen lassen, der Monogamie und ehrliche Arbeit vorsieht, und Bertolt Brecht machte sich in seinem Lied von der sexuellen Hörigkeit über die Männer lustig, die es immer wieder mit Askese versuchen, dann aber doch wieder bei der ersten Gelegenheit im Bordell landen. Mit beiden Kränkungen scheint Serners Held „Fec“ es aufnehmen zu wollen. Wie es sich für einen ordentlichen Helden gehört, schnappt er sich kein unschuldiges „Gretchen“, um an ihr die ganze Notzucht der Herrschaft des männlichen Triebes UND der männlichen Ordnung zu vollstrecken, sondern er begibt sich in die Halbwelt und nimmt es dort mit der „Königin der Nacht“, also mit der wildesten, am meisten gefürchteten Hure auf, die bisher noch nicht einmal einem Zuhälter erlegen ist, sondern reihenweise Männer von sich abhängig macht, plündert und dann verstößt. Symbolisch für „Bichettes“ „Wildheit“ ist ihre Sprache, in die sie permanent erfundene Ausdrücke einführt – sie will „maffeln“, sie drückt ihre Freude mit Ausdrücken wie „richissimo“ aus, und aus ihrem Mund klingt der französische Ausdruck „maboul“ (übergeschnappt) nach dem hebräischen „Mabul“ (Sintflut). Zur Angstfantasie von der „Männer mordenden“ Frau passt, dass ihretwegen schon Männer in den Ruin,  ins Gefängnis usw. gegangen sind, und dass sie selbstverständlich alle glauben, sie würden jederzeit zu ihr zurückkehren, wenn sie sie nur ließe.

Dem psychologisch geschulten Blick ist natürlich längst klar, dass sich der ganze Mythos, der um diese wilde Figur aufgebaut wird, einem furios erstarrten Kampf um Eroberung verdankt: Die Frau ist interessant, weil man sie, selbst wenn man mit ihr leidenschaftliche sexuelle Beziehungen pflegt, nicht „kriegt“ – und folglich „kriegt“ sie der Mann, der sich nicht für sie interessiert, weil er „schon mit allem durch ist“. Es handelt sich also bei allem pornografischen Inhalt des Textes immer nur um ein in die Länge gezogenes Vorspiel – und das Ende muss zwangsläufig der Tod eines der beiden Protagonisten sein, denn die zwischendurch als Möglichkeit aufscheinende dauerhafte Liebe, die die eroberungssüchtigen Qualitäten der beiden Helden entschärfen könnte, wäre ein Rückfall in ihre bürgerlich gebotene Trennung. Nur dass sie daran auch noch selbst schuld wären – sie würden sich beide langweilen. Ihr Heldentum lebt ja von der Ablehnung der bürgerlichen Ordnung. Übrigens gar nicht mal zu unrecht: die Prostituierte ist ja in allen Gesellschaften diejenige, die das heimliche Leben der bürgerlichen Männer am intimsten kennt und also weiß, dass ihre bürgerliche Seite auf Lügen aufgebaut ist. Entsprechend muss sie alles, was bürgerlicherseits über Liebe gesagt wird, für Lüge halten – und sich gegen die Verachtung, die die Bürgerinnen und Bürger an ihr ausagieren, schützen, indem sie deren Konstrukte ihrerseits verachtet. Und so tun sich die beiden eben nicht zusammen, um ein Haus zu bauen und Kinder großzuziehen, wozu sie ohnehin als Ausgegrenzte nicht die Mittel hätten, sondern um gemeinsam Abenteuer zu suchen und Verbrechen zu begehen, an deren Durchführung sich ihre Leidenschaft zugleich gefährden und erfrischen soll.

Dennoch hat – in der fantastischen Schilderung Serners – auch die wildeste Prostituierte Anteil an den erotischen Wünschen nach Hingabe an einen geliebten Menschen und nach einem Leben in stabilen Beziehungen. Die quasi inzestuöse Beziehung zu ihrem „Bruder“, der in dem Roman „Pimpi“ heißen und ein „Neger“ sein muss, genügt ihr nicht mehr, wie sie an ihrer „Erschütterung“ durch die intime Begegnung mit Fec feststellt. Durchgehend auf des Messers Schneide bleibt die Frage, ob eine Szene, in der sie hemmungslos weint, eine Inszenierung war (wie sie am Ende ihrer Beziehung behauptet, um in ihren uneroberten „Stolz“ zurückzufinden) oder ob es nicht doch Liebe war (wie durch ihre sonstigen Verhaltensweisen nahegelegt wird), durchgehend auf des Messers Schneide bleibt, ob die stimulierende Eifersucht, die Fec empfindet, nachdem sie verabredungsgemäß einen reichen Amerikaner verführt haben soll, auf einer sinnlichen Wahrnehmung oder auf einer selbst-„gemachten“ Illusion beruhte.

Klar wird jedoch, dass der eigentlich Desillusionierte in der Geschichte Fec ist. Er scheint zu ahnen, wie prekär sein eigenes Begehren ist – und läuft auch deswegen der Frau nach, die in seinen wie in den Augen der umgebenden Welt ganz und gar von ihren Leidenschaften getrieben wird, von denen nach wie vor die stärkste zu sein scheint, Männer zu erobern und wieder zu verstoßen. Und seine größte Angst ist nicht, dass passieren könnte, was der Verfasser am Ende passieren lässt – dass er nämlich von einem Schuss tödlich getroffen wird, der eigentlich Bichette galt – sondern dass auch diese „letzte Frau“, die ihm noch einen „Widerhalt“ in der ansonsten vollständig beherrschten und also öden Welt bietet, irgendwann einknicken und ihm gegenüber anhänglich werden könnte. Beeindruckend an dem Roman ist, wie viel wirklich offen bleibt und reflektiert wird. Gerade weil die Sehnsucht nach schöneren und ehrlicheren Beziehungen zwischen den Geschlechtern nur in ihrer verkrümmten und verbogenen Form durchschimmert, erscheint sie hier deutlicher als in den meisten die Prostitution leugnenden, dämonisierenden oder verkitschenden Kulturproduktionen. Der traurige Befund lautet freilich auch: Einen Ort für das weibliche Begehren scheint es in der Kultur nirgends zu geben. Für diesen Skandal sollte man freilich nicht den Schriftsteller, der ihn vorführt, verantwortlich machen, sondern eher die Verlogenheiten der eigenen Kulturarbeit weiter in Angriff nehmen.

Der Roman erregte bei seinem Erscheinen 1925 großes Aufsehen und wurde nur wegen einer Intervention von Alfred Döblin nicht sofort verboten. Serner, der ursprünglich Seligmann geheißen hatte, früh vom Judentum zum Katholizismus konvertiert war, sich dem Ersten Weltkrieg durch Flucht in die Schweiz entzogen und 1918 das dadaistische Konzept „Letzte Lockerung“ verfasst hatte, lebte seit 1927 auf Reisen und in Prag. Versuche, sich vor den Nazis, die seine Werke bereits 1933 verbrannten, nach Shanghai zu retten, scheiterten. 1942 wurden er und seine Frau Dorotea in Riga ermordet.

Das Beitragsbild ist mein Foto von einer Skulptur, die im September 2017 auf der Artmile in der Bülowstraße gezeigt wurde.

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