Neulich lud mich eine Bekannte ins Renaissance-Theater ein, man gab Edward Albee: mit Simone Thomalla, Klaus-Christian Schreiber, Emre Aksizoglu und Karla Sengteller. Es war, auf schräg gestellter Bühne zwischen zwei gewaltigen, abgewetzten Ledersofas, großes Theater – das ist nach der alles erdrückenden Verfilmung mit Liz Taylor und Richard Burton bekanntlich keine Selbstverständlichkeit.

 

Anschließend, nein, eigentlich schon zwischendurch, haben wir uns gegenseitig bestätigt, wie wunderbar es war: wie entzückend das kleine Theater, wie brilliant von allen vier Schauspieler*innen gegeben – und sogar darüber, dass Schreiber der Allerbeste von den vier Besten war, waren wir uns sofort einig. Tatsächlich ist das Stück ein Klassiker, also ein Stück, das man, wie die Bekannte (eine am Kulturleben lebhaft teilnehmende ehemalige Lehrerin mit Migrationshintergrund, die nach ihrer Pensionierung noch mal eben promoviert hat) treffend bemerkte, immer wieder mit großem Gewinn sehen kann. Es missfiel ihr nur, dass man eine Pause gemacht hatte, denn im zweiten Teil sei nicht noch einmal eine neue Steigerung erkennbar gewesen.

 

Tatsächlich schien die Spannung nach der Pause sogar ein wenig nachzulassen. Das lag aber womöglich nicht so sehr am Stück, auch nicht an der Inszenierung oder an den Schauspielern – sondern daran, dass die Zeit in einer bestimmten Hinsicht völlig über das Stück hinweg gegangen ist, dachte ich gleich (darum bespreche ich die Aufführung, obwohl sie ja ganz aktuell ist, eben auch hier im Unzeitgemäßen Feuilleton). Was ist da aber genau passiert?

 

Halten wir uns, bevor ich zu dem Punkt komme, an dem das Stück selbst völlig unzeitgemäß geworden ist, noch ein bisschen in der Pause auf. Dieses Theaterchen mit seinem Stammpublikum von Abonnent*innen ist wirklich bezaubernd. Da versammeln sich zwischen Intarsienwänden und Plüschambiente Menschen aus Westberlin, wie es sie lange nur hier gab und in dieser speziellen Generation (50-60+) wohl auch nur hier gibt, mit jüngeren Einsprengseln: Sehr viel von der Gay-Community alter Schule, also von denen, die damals in den 60ern und 70ern aus der für sie extrem lästigen und lähmenden und oft regelrecht gefährlichen Provinz hierher gekommen sind. Diese Leute haben damals zusammen mit den Urberlinern ihre neuen Gemeinschaften gebildet und kümmern sich bis heute oft rührend solidarisch umeinander – es gibt, so weiß ich aus meinem Rednerinnenalltag, keine Trauerfeiern, die schöner gefeiert werden als ihre, und es ist absolut beeindruckend, wie viele zu kommen pflegen, was sie an Blumen mitbringen, und wie wunderbar sie sich verhalten. Diese altwestberliner Gesellschaft sehe ich hier also bei einem ihrer fröhlicheren Rituale: der Theaterpause mit Getränk. Es ist eng, es ist laut, es wird getratscht, getuschelt und gelacht, es ist fröhlich, es ist wunderbar. Einige Leute aus dem Publikum sind, wie Albees Bühnenpersonal selbst, von Experimenten und Exzessen mit Alkohol und anderen Substanzen gezeichnet, andere sehen aus, als hätten auch sie schon am übertrainierten Veganertum geschnuppert – aber alle sind in dieser herrlichen, gegenüber strengen Eleganzkriterien völlig gleichgültigen Westberliner Mischung aus Chic und Lotter gekleidet. Eine Dame mit etwas ausgewachsenem grauen Kurzhaarschnitt trägt zum Beispiel silberne, aufgesetzte Schulterpolster auf einem roten Strickteil, ein Herr so etwas wie eine langwedelnde Fliege zum Pullunder. Es gefällt mir gut – und ich nehme an, bei diesem Publikum kann auf der Bühne geschehen, was will – aber die Pause wird es sich nicht nehmen lassen.

Nach der Pause wird der zweite Teil des Stückes durchgestanden, auf der Bühne rappelt sich George zum Endkampf hoch und Honey schüttelt sich vergebens. Am Ende, als Schreiber und Thomalla sich leise Arm in Arm wiegen, wird mit Recht großer Beifall geklatscht, einige Leute lassen Pfiffe ertönen, andere rufen „Zugabe!“ Wir taumeln hinaus und fahren los.

Im Auto unterhalten wir uns über die Frage, warum die im Stück doch sicher angelegte Klimax und Umkehrung im zweiten Teil heute nicht so stark rüber kommt. Ich bringe es spontan mit dem in Verbindung, was die neuere LGBT-Community zum Teil mit zu verantworten hat: eine völlige Veränderung der erlaubten und möglichen Haltungen zum Kinderthema, das die Aufweichung und Auflösung des Dramas im Stück bringen soll. Bei Albee zerstört George die Aggression seiner Martha, indem er ihr die Lebenslüge, die Phantasie vom Kind, zerstört. Und daran bricht sie tatsächlich zusammen. Dieser Zusammenbruch ist mittlerweile ein doppeltes Tabu. Vor unseren eigenen Gesinnungspolizeien ist jede starke emotionale Besetzung der Mutterschaft verpönt. Und wo das der Fall ist, wird eigentlich das ganze Stück von Albee in der zweiten Hälfte unverständlich.

fotos.jpg

Ich habe diesen Gedanken im Gespräch nur kurz angedeutet. Meine Bekannte erzählte sogleich wie pflichtbewusst von einem hinreißenden schwulen Paar mit zwei Kindern, zu denen jeweils einer der beiden Männer die Samenzellen beigesteuert habe. Ich sagte, nun schon völlig ungeschützt, an die Leihmütter könne ich gar nicht ohne Bauchschmerzen denken. Es war von mir nur ein Satz, und mir war bewusst, was für ein seltsam radikaler Minderheitenstandpunkt das ist, wie leicht ich damit in Ecken gerückt werden kann, in denen ich politisch so gar nichts zu suchen habe. Ich kenne das schon, denn mit der Austreibung von „Mutterideologie“ habe ich weitreichende und nachhaltige Erfahrung. Es sei ein Geschäft, diese Sache mit den Wunschkindern von LGBT-Paaren, sagte meine Bekannte, und es verdienten nicht nur die Leihmütter gut daran, sondern auch die Anwälte, die die Verträge zeichnen, usw. Man müsse verstehen, dass die Leute in ihren Ehen eben auch Kinder wollten. Ich sagte, was ich dann immer sage, dass es so viele Kinder auf der Welt gebe, man müsse sie nur adoptieren. Das ist natürlich nicht das Gleiche.

 

Ich habe es zum Abschied dabei bewenden lassen, es war spät, ich musste am anderen Morgen früh raus. Aber über Nacht und in den folgenden Tagen hat mich das Thema weiter beschäftigt, und es gehört ja auch ins Stück: In der Aufführung mit der wunderbaren Übersetzung von Alissa und Martin Walser ist eine der Glanzpassagen (gleich zu Beginn des Besuchs der jungen Leute) die Sache mit den Chromosomen. Als sich herausstellt, dass Nick Biologe (also nicht Mathematiker) ist, malt George, der zuerst nicht einmal das Wort „Chromosom“ richtig aussprechen kann, mit großer Geste das Schreckbild einer genmanipulierten Welt, in der es nur noch vermeintlich perfekte Menschen gibt, an die Wand.

warum.menetekel.jpg

Solche Menschen versuchen wir heute mehr und mehr aus uns selbst zu machen, und solche Menschen wollen wir auch immer öfter und immer deutlicher herstellen. Gerade die LGBT-Bewegung ist durch einen kleinen, wenn man solche Vergleiche mag, Chromosomenschaden ihrer Gründungstheorien an die Spitze dieser Bewegung geraten: Die im Ansatz gute und richtige Bemerkung, dass am „sozialen Geschlecht“ doch sehr vieles konstruiert sei, ist den Totalkonstruktivist*innen längst in eine entfesselte Menschenmacherei umgeschlagen, in der im Zweifel der Leib und die emotionalen „Besetzungen“ oder anderen „geistig-körperlichen Interaktionen“, die wir „Seele“ nennen, auch schon mal einem modischen Selbstbild unterworfen werden können.

 

Die Figuren von Albees Stück sind demgegenüber völlig altmodisch und erratisch: Offenkundig folgt Albee noch der Hypothese Freuds, dass eine Frau ihren zu Neid und Zorn anpeitschenden Penisneid nur überwinden könne, indem sie einen Sohn vom geliebten Mann habe, offenkundig hält er das damit zusammenhängende emotionale Drama der Frau, die Mutter sein will und es nicht kann, für geradezu biblisch wuchtig. Eine derartige Wucht haben wir in der Menschenmacherei nicht mehr „auf dem Schirm“. Wer wirklich unter Penisneid leidet, lässt sich „einfach“ einen ansetzen, das dient dem Seelenfrieden ebenso wie dem medizinischen Fortschritt, und eine Frau, die sich wegen irgendeiner verhinderten Mutterschaft so aufführte wie Albees Martha, müsste mindestens in Deutschland mit der Frage rechnen: du, hast du mal daran gedacht, dass das eine Nazi-Sache sein könnte, diese Mutterideologie?

 

Ich gehöre selbst seit meinen ersten Freud-Studien zu den Kritikerinnen der Penisneid-Hypothese, denn ich glaube nicht, dass der weibliche Trieb „sekundär“ ist. Aber ich glaube, ich bin nicht die einzige Frau in der Welt, die immer den Wunsch, ein Kind mit zu zeugen, auszutragen, zu gebären, zu stillen und zu versorgen, als einen integralen Bestandteil ihres natürlichen Trieblebens empfunden hat – und die ihre Konflikte drumherum durchstand, weil sie es einfach nicht richtig fand, dieses Wunschwesen gegen die ebenfalls starke Leidenschaft fürs sogenannte Geistige so auszuspielen, wie alte „Rollenbilder“ es vorsehen. Meine Kritik an der gendertheoretisch begründeten Menschenmacherei ist deswegen vor allem die Macherei daran: sie führt nur selten und in Einzelfällen in neue Freiheiten – während sie als Theorie eher zurück in alte Klischees wirft, weil nun ein Mann, der gern für Kinder sorgt, womöglich als „eigentlich eine Frau“ angesehen und aufgefordert werden kann, seinen Körper entsprechend zu korrigieren, während eine Frau, die neben allem anderen auch gern öffentlich auftritt, logisch denkt und beruflich ehrgeizig ist, plötzlich als „Seele im falschen Körper“ erscheint, die ihrerseits an sich zu arbeiten habe, um sich da eindeutiger zu machen. Nehme ich die vermeintlichen Eindeutigkeiten der vermeintlich vorgefundenen Natur schon nicht mehr ernst – um wie viel weniger kann ich noch ihre Zweideutigkeiten aushalten? Das ist das „dialektische“ Problem des Gender-Konstruktivismus und seiner guten Absichten.

 

Und das Machen? Muss ich mich da wirklich auf die Seite von George schlagen, der von seiner wütenden Frau als „Sumpf“ geschmäht wird, weil er nicht sportlich ist und vor lauter Nachdenken nichts aus sich macht? Das kann ich doch nicht ernstmeinen! Und nein: Ich finde nicht, dass man auf alle Versuche, sich selbst als Menschen klüger, schöner und besser zu machen, verzichten soll – nichts spricht gegen Sport und gesunde Ernährung, nichts gegen Zahnersatz und etwas Haarfarbe und was dergleichen mehr ist. Auch finde ich generell, dass die Feier der Gestaltungsspielräume, die wir mit uns selbst innerlich und äußerlich haben, eine ganz großartige Aufgabe und Leistung aller Kultur ist. Aber wenn ich den Eindruck habe, dass für diesen Zweck das leidensfähige tierische Gewebe im Menschen starr gemacht wird und die emotionalen Folgen der verschiedenen Eingriffe verleugnet werden müssen, damit die Geschäfte mit den Eingriffen gemacht werden können – dann geht das nicht nur auf Kosten dessen, was mir trotz allem noch als „Menschlichkeit“ teuer ist, sondern es geht auch auf Kosten der Kultur und ihrer Schönheit selbst. Nicht zufällig ist dann auch der wohl aesthetisch unoperierte Schreiber, der die ganze „überreflektierte“ Verzweiflung des gedemütigten Gatten mit gewaltiger körperlicher Hingabe und Ausdruckskraft spielt, derjenige, der dann gerade in den sensibelsten Szenen auch die durch zu viel Pfusch am Gesicht im Ausdruck etwas reduzierte Thomalla (die im übrigen alles kann) an die Wand spielt. Für die zarteren Ausdrücke der Lösung hat Thomalla nur noch fast alles – und ich jedenfalls ging nach der Aufführung noch einmal anders die vier Treppen zu meinem Unterschlupf hoch: ich dachte die ganze Zeit, was ist bloß aus uns geworden, was haben wir bloß aus uns gemacht, und was wird hier in Berlin wohl sein, wenn es auch diese ganze herrlich zerrüttete altmodische kleine Szene nicht mehr geben wird, die heute noch im Renaissance-Theater „Zugabe“ ruft, wenn Albee gegeben wird.

 

(Das Beitragsbild mit der verschwommenen Frau stammt vom großen Fotografen Bernd Huber – der kann wirklich was).

Advertisements