Bevor die Neue Nationalgalerie für Jahre geschlossen wurde, zeigte sie im Dezember 2014 noch einmal, was sie konnte.

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Zum Abschied durfte David Chipperfield die Glashallle nochmal mit Säulen aus rohen Baumstämmen befüllen, und im Untergeschoss wurde so lange eine massiv verstörende Ausstellung von Moshe Gershuni gezeigt.

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Warum verstörend? Schließlich musste man schon imstande sein, hebräische Texte zu lesen, um die Frage „Wer ist Zionist und wer nicht?“ mit der vollen Wucht der über die Wand verteilten roten Lettern auf sich wirken zu lassen. Die alte Frage „Wer ist Jude, was ist Judentum“ – über Jahre und nie zuende diskutiert – ersetzt durch die rot gebrüllte Ausgrenzungsfrage? Und wer brüllt da? Die, die lieber keine Zionisten sein möchten? Oder die, die unbedingt Zionisten sein möchten?

Hat sich die Bibel die berühmte „Schrift an der Wand“ so vorgestellt wie in diesem Vorraum zur Ausstellung? War diese Schrift die Idee der Kurator*innen oder die des Künstlers?

In einem Video zur Ausstellung erzählt Gershuni, von Krankheit gezeichnet und – gegen sie an – sehr lebendig, von seiner Arbeit. Wie er mit dem ganzen Körper durch die Farbe gekrochen ist.

 

Der Effekt ist gewaltig. Weit deutlicher als die grünen Videos aus dem Irakkrieg, aber auch deutlicher als die meisten dokumentarischen Fotos aus der Nähe, zeigen diese Bilder, was wirklich geschieht, wenn Menschen für eine Idee in den Krieg ziehen. Die Titel tun ein Übriges. „Ein Knabe war ich“. „Ich hatte einen Vater“. Und dann guckst du auf Farbschlamm, einen grell gefärbten Stiefelabdruck. Pink. Oder blau. Oder viele dunkelrote Tropfen und Flecke. Den Abdruck eines Gesäßes.

Obwohl doch alles nur Farbe ist, oder vielleicht gerade deswegen, zeigen die Bilder auf das, was wirklich passiert in Kriegen. Menschen bluten, verbluten, leiden Schmerzen, sind ihr Leben lang verkrüppelt. Manche sind dann ihr Leben lang eine Beute der Ambivalenzen vom Triumph des Überlebenden und dem Schuldgefühl desjenigen, der getötet hat, um selbst zu überleben – oder einfach nur, weil er es konnte. Oder sollte. Und weil da niemand war, der ihm hätte sagen können: das brauchst du nicht. Das darfst du nicht. Das sollst du nicht.

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Die Erinnerung an Vater und Mutter oder an Mutter und Vater sagte eher: kämpfe! Die Feinde waren real und schossen wirklich. Oder: Der Mann hinter dem Schießenden trieb ihn voran mit der Drohung, ihn bei Abwendung selbst zu erschießen. Oder da lag schon einer im Schlamm und konnte nicht mehr gerettet werden, und man gab ihm den letzten Schuss.

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Oder. Es passiert viel, wenn mal wieder ein Land gegen ein anderes vorrückt, ein Land gegen ein anderes verteidigt werden muss. Eltern schicken ihre Kinder in den Krieg und hoffen, dass sie wieder kommen, möglichst unversehrt. Müssen sie sich sagen lassen, dass sie keine Väter sind, und keine Mütter, weil sie solches tun?

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In Israel steht das nicht in Frage. Zu wirklich der Hass der anderen. Zu kostbar eine Gesellschaft, in der Juden Mehrheit und Juden sein dürfen. Zu kostbar auch, dass sie diskutieren können, wer in den Krieg muss, und wer nicht, welcher Krieg geführt werden soll, welcher nicht.

Splitter der Traditionstexte hat Moshe Gershuni in den grauen Farbschlamm gekritzelt. Oder mit dem Finger hineingeschrieben, ganz unordentlich. Es könnten auch andere sein? Oder gerade diese?

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2018, im Gebrüll der vorschnellen Antworten, bin ich sicher nicht die einzige, die es alles nicht mehr hören kann. Gar keine der Antworten mehr. Gern würde ich gerade jetzt noch einmal in diese Ausstellung gehen. Wegen ihrer Fragen.

Und wegen ihrer betretenen Ratlosigkeit. Die bleibt.

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