Es war Sonntag, am Nachmittag hatte ich eine schwierigere Arbeit abgeschlossen, und im Alten Museum sollte es eine Ausstellung zum Thema „Fleisch“ geben. Das ist eine gute Idee, dachte ich, und was ich in den Feuilletons über dieses Gesellenstück von 12 jungen Kurator*innen gelesen hatte, sprach mich durchaus an. Zum Warmwerden in dem angenehm kühlen Gebäude bin ich erst einmal durch die Etruskerabteilung geschlendert, denn mich interessiert aus beruflichen Gründen ja auch immer die Sepulkralkultur – und da kann man manches finden, Aschenbehälter in Figurenform mit aufschraubbaren Köpfen, und meistens der Todesgöttin Vanth dabei, da wäre womöglich auch für die zeitgenössischen Urnengestalter*innen manche Anregung dabei.

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Irgendwo zwischen Helden und Engeln näherte sich mir ein seltsam grinsender Museumswärter offenbar indischer oder pakistanischer Herkunft und fragte mich, was mich an der Sache interessiere. Ich war völlig verblüfft, von ihm derart angesprochen zu werden, und sagte einfach die Wahrheit: „Ich arbeite im Bestattungswesen und interessiere mich für die Geschichte der Sepulkralkultur.“ Er grinste noch mehr und sagte, ich sollte ruhig durchgucken, aber am Ende gebe es auch noch diese Sonderausstellung, „Fleisch“, die sollte ich auf keinen Fall verpassen, okay? Ich bedankte mich höflich, es war das Alte Museum, und ich bin eine Freundin des guten Benehmens (dabei hätte ich eigentlich am liebsten gesagt, „was glaubst du eigentlich, warum ich hier bin, und was fällt dir überhaupt ein, mich hier so anzulabern! Dafür habe ich nach etwas zu kommunikationsreichen Arbeits- und Wochenendtagen nicht einem meiner lieberen Freunde abgesagt, damit du mich jetzt hier anquatschst!“ Ich bin nämlich auch eine Freundin der großstädtischen Anonymität, und wenn ich mit einer Hirnhälfte noch was nacharbeiten muss, dann bin ich wirklich, ganz wirklich lieber mal ein paar Stunden allein, danach plaudere ich dann auch gern wieder mit fast allen).

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Aber neugieriger gemacht hatte er mich doch, und also bin ich schneller an den kopflosen Römern und Griechen vorbei und in die Fleischabteilung. Die war auch gut bestückt mit roten Fleischerhaken und metallenen Fleischerhaken, und es gab was fürs Auge. Irritiert hat mich weniger das Schlachthausambiente (darauf war ich ja vorbereitet) als die Andromeda von Rubens, denn irgendwie wurde ich den Eindruck nicht los, dass sie nicht wegen ihres fröhlichen Appells an die sogenannte „Fleischeslust“ da so überdimensional den Raum in Schwarz-Weiß beherrschte, sondern weil sie im Vergleich zu den Sparkörpern, nach denen wir heute alle schwitzend streben, den jungen Menschen vermutlich „fleischig“ erschien. Kaum hatte ich das gedacht, wich das „hmmmmm“ nicht mehr aus meinem Innenohr.

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Im Erotik-Kabinett, das vor der Fleischabteilung lag, hatte ich große Peniden als Öllampen gesehen. Und Bilder von homoesexuellen und heterosexuellen Szenen, die für Symposien auf in Keramikteller gebrannt waren, dazu Statuetten von Hermaphroditen und dergleichen.

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Hier nun, in der eigentlich dem Fleische gewidmeten Ausstellung, ging es eher lustfern zu. Es ging mehr um Schweine, Hunde und Ziegen, die zum Zwecke des Verzehrs durch Götter und Menschen erst gefüttert und dann getötet werden müssen. Es ging um Namen für Schweine. Es ging um die Vorgänge der Verarbeitung und der Verwesung, Köpfe in ihrer schönsten Form und Köpfe als Opfer der Würmer, es ging um einen Künstler, der mit Pfeil und Bogen in einem Supermarkt maximal entfremdete Lebensmittel erlegte, oder um das Zucken einer von indischen jungen Männern zu Tode gequälten schwarzen Ziege in ihrem Blut.

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Ich ging ratlos nachhause, unterwegs brandeten die Wogen des WM-Finales an mein Ohr. Und auf dem Balkon, der unentwegt von Fernsehgeräuschen aus der Nachbarschaft beschallt wird, und zwar 24 Stunden am Tag und zwar an 7 Tagen der Woche, las ich trotz allem noch einen Artikel in der ZEIT, die ich aktuell auf meinem Tablet habe. Es war ein Beitrag, von dem ich, während ich ihn las, dachte, ich sollte ihn auf Facebook posten, denn in ihm ging es um jene brachialen Formen der Knabenbeschneidung, von denen auch ich im Interesse des Kindeswohls und des Weltfriedens abrate, obwohl ich mit der jüdischen Variante dieses Zeremoniells auch unter psychoanalytischen Aspekten nicht das geringste Problem habe, geschieht es doch am achten Tage, wenn das Kind noch voll tröstbar ist durch die Mutter, und versteht doch der Mohel in der Regel sein Fach. Was aber in der ZEIT geschildert wurde, war der brutale Initiationsritus, den sie in Südafrika in entlegenen Gegenden, in den Bergen von Pondoland, an jungen Männern vollstrecken. Man nennt es ulwaluko, und fragen Sie mich bitte nicht, wie man das ausspricht. Es ist jedenfalls die maximal sadistische Männerbeschneidung und diejenige, die tatsächlich in den schlimmeren Fällen vergleichbar ist mit der Genitalverstümmelung, die nach wie vor millionenfach an afrikanischen Mädchen und Frauen verbrochen wird.porphyrtoga.ret.jpg

Ich las also den Artikel, es war Sonntagabend, Frankreich wurde Fußballweltmeister, Trump flog nach Helsinki, Putin auch, und die Kroaten waren nicht gekränkt, sondern begeistert. Aus den Fenstern der Nachbarn quollen die törichten, schlecht synchronisierten Dialoge irgendwelcher zweit- oder drittklassigen Filme wie immer (ich bin schon immer froh, wenn es nicht zu dramatisch wird und nicht zu „sexuell“), der Sommer war in Berlin ungeheuer sommerlich, und in meinem Kopf waren noch die Bilder von den zuckenden Gliedern der Ziege, die schon keinen Kopf mehr hatte, vermischt mit dem Grinsen des Museumswärters, der das Pech hatte, den Ziegen mordenden Indern ähnlich zu sehen, und ich dachte, o Gott, wie gut, dass sie hier in dem Artikel über ulwaluko den Mann zitieren, der gegen dieses schreckliche Ritual ist. Und dann wurde erzählt, dass ihm wirklich alles abhanden gekommen war, dass man dem Mann, den sie zum Helden des Beitrags gemacht hatten, nach der Zeit auf dem Berg wirklich die Eichel hatte amputieren müssen, und dann kam natürlich doch heraus, dass er schwul war, und dann erzählten sie mir, dass er heute glücklich lebe und dass sein Partner ihn so annehme wie er sei, und dann stand da wirklich dieser letzte Absatz, der den Anschluss an das übergeordnete Thema dieser Ausgabe der ZEIT leisten sollte, nämlich an das Thema „Mut“:

„In den Augen seiner ehemaligen Klassenkameraden ist Zolo Tokali ein Versager. Aber Tokali weiß, dass auch die brutalsten Prüfungen nicht so viel Mut erfordern, wie nötig ist, um sich selbst anzunehmen. Mut ist eine Frage der inneren Größe. Ohne den verfluchten Berg wäre ihm seine Größe vielleicht für immer verborgen geblieben.“

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Was sollte ich nun denken? Das erste, was mir einfiel – ich bin halt ein Kind meiner Generation, und wir haben halt gelesen, was wir gelesen haben – war ein Titel des Historikers Theodoer Lessing: „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen.“ Es half nichts. Ich war immer noch so entsetzt! Wie kann man nur, dachte ich, wie feige kann man sein, dass man das tut: eine sinnlose Verstümmelung mit Sinn versehen, indem man sie bzw. ihr Ergebnis im Charakter des Opfers „groß“ nennt.

Aber natürlich, das tun sie alle heute, das verlangen sie alle, und du sollst es mitmachen (und bitte niemals denken, dass ein seelenreinigender, „wachstumsfördernder“ christlich-psycholalalytischer Sinn womöglich intendiert sein könnte). Sie sagten also allen Ernstes: „Es muss zu etwas gut gewesen sein.“ Und ich, liebe Leser*innen, sage dazu nach wie vor „nein“. Und ich finde das richtig. Obwohl ich tiefes Verständnis dafür habe, dass die Damen und Herren Sozialpädagog*innen es richtig finden, den jungen Mann zu ermutigen. „Sag ihm, dass er mit dem, was ihm angetan wurde, etwas ganz Besonderes ist! Bedenke bei allem, was du sagts, dass du etwas bewirkst“, müssten sie sagen, usw. Alles okay, Darlings, würde ich sagen. Aber die Wirklichkeit umzulügen bringt nichts, und die Vernichtung der natürlichen sexuellen Fähigkeiten ist nie etwas Gutes. Wenn jemand, dem das nun einmal – böserweise – angetan wurde, daraus noch das Bestmögliche macht, gebührt ihm jeder Respekt. Aber wir wollen uns und unsere herzinnige Gebundenheit an unser Fleisch doch nicht soweit vergessen, dass wir behaupten, durch die Vernichtung dieser Gebundenheit erst sei Großes entstanden. Wer das tut, rechtfertigt nur weiter alle weitere Gewalt. Das sei ferne, würde Paulus hoffentlich dazu sagen, und recht hätte er.

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