Es war mal wieder irgendeine Übergangszeit. Frühling mit wechselhaftem Wetter. Es war Corona-Zeit. Wenig Termine, viel Liegengebliebenes, das auf Überarbeitung wartete. Es war der 1. Mai 2020. Der Deutschlandfunk hatte mein Essay „Tränen säen, Hoffnung ernten“ ausgestrahlt. Erstaunlich viele Leute haben sich daraufhin bei mir gemeldet – und ich hatte den Tag mit Putzen und Telefonieren und Mailen verbracht. Nach getaner Putzarbeit noch einen Spaziergang gemacht, um nachzuschauen, ob das kopierte Bild von Gerhard Richter noch an der Bahntrasse war.

 

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Es war nicht mehr da. Übermalt. So schnell geht das eben heute. Erst macht es einer drauf. Dann malt ein anderer da was drüber. Dann der nächste. Und so weiter. Der Kopist hat nur bestätigen können, wie „ikonisch“ Richters Bild – selbst ja die Bearbeitung eines Fotos – geworden ist. Richters Bild wird bleiben. Im Original und in tausenden von autorisierten und unautorisierten Reproduktionen. Ob wir von denen, die es kopiert haben, nochmal etwas hören werden, wissen wir nicht.

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Am Abend war mir rezeptiv zumute. Und ich war arte dankbar, dass es mir diesen Film ins Haus lieferte.

https://www.arte.tv/de/videos/052745-000-A/das-maedchen-wadjda/

Seit 2012 habe ich immer wieder davon gelesen, auch den Trailer und kleine Ausschnitte gesehen. Und nun hatte ich tatsächlich einen ganzen Abend, um mich in Ruhe in diesen Film vertiefen zu können. Denn irgendwie war ich mir sicher, dass ich da etwas sehen würde, was so in den Kritiken vielleicht doch noch nicht steht. Dabei ist manches Kluges schon dazu geschrieben worden.

https://www.epd-film.de/filmkritiken/das-maedchen-wadjda

Und vielleicht haben sie ihn in diesen Wochen wieder ins Programm genommen, weil kluge Frauen die Quarantäneregelungen, mit denen wir alle neuerdings leben müssen, zum Anlass genommen haben, in unseren Medien ein bisschen aus der Lebenswelt von Frauen in der islamistischen Welt zu erzählen: wo die Beschränkung der Frauen aufs häusliche Leben Alltag ist. So hat die Kollegin im Politischen Feuilleton von Deutschlandfunk Kultur, Jasamin Ulfat-Seddiqzai aus Essen, sehr deutlich beschrieben, wie die Dauerquarantäne der Frauen in der schroff patriarchalischen Welt sich auswirkt. Sie schreibt:

Dauert dieser Zustand [der Isolation] lange an (oder prägt einen gar beim Heranwachsen) verliert man seinen Mut, Neues auszuprobieren, wird ängstlich, zieht sich zurück. Manch eine bemüht sich, der Gefangenschaft zu entkommen, aber die meisten akzeptieren ihre Lage.

Was, wenn es stimmt? Wenn es draußen wirklich zu gefährlich ist? Wenn ich dort nicht alleine überlebe? So heißt man die Isolation irgendwann willkommen, sie wird Teil der eigenen Identität. Ab und an träumt man davon, wie es anders hätte sein können, aber dafür fehlt einem irgendwann auch die Fantasie – man kennt ja nur die eigenen vier Wände.

Wer dann das Gesicht noch hinter einem Schleier verbergen muss, trägt diese Privatheit sogar nach außen. Hinterm Schleier kann es auch gemütlich sein, man signalisiert: Bitte nicht ansprechen! Es steigt die Gefahr, dass man ambitionslos wird, sich selbst nichts mehr zutraut.

Während Männer, besonders die reichen und gebildeten, die Welt über Jahrhunderte zu ihrem Spielplatz machten, waren Frauen in Dauerquarantäne. Immer zu schwächlich, zu kränklich, zu scheu, als dass sie den Strapazen der Außenwelt standhalten könnten.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/frauen-in-patriarchalen-systemen-daheim-ist-es-nicht-am.1005.de.html?dram:article_id=474627

Und an dieser Stelle kommt der großartige Film von Haifaa al Mansour und packt uns. Ich will Ihnen hier einfach erzählen, wie es mir ging:

Erst einmal ist dieses ganze sogenannte Ambiente, die ganze mit viel Geschick und unter großen Schwierigkeiten eingefädelte und durchgeführte Dreherei in Riad, für das neugierige deutsche Auge spannend. Genau, erinnerte ich mich, so sehen im Nahen Osten Küchen von innen aus, wenn sie wirklich gut ausgestattet sind, so die Türen, so die trockenen Straßen, in denen die mageren, einzelnen Dattelpalmen schon etwas wie eine gehobene Allee anzeigen. So wirkt die Welt von Werbung und Soap in die Wohnhäuser hinein, die sie spiegeln soll. Und ja, so wirken die Fesseln der individuell empfundenen Liebe, wenn die Frauen sich mehrheitlich unter das durch keine Gerechtigkeit legitimierte Religionsgesetz beugen und aus ihm allein ihre moralischen Begriffe beziehen müssen.

Es ist erst einmal wie ein Crash-Kurs, so scheint mir: wie ein Crash-Kurs in autoritärer Religion und rigorosem Patriarchat. Der illegale Fahrer der Mutter, der arm lebt und nichts gilt in dem Land: selbst die relativ wohlhabende Bürgerin darf er noch nach Belieben anschnauzen, denn er ist ein Mann. Und es ist schließlich der liebende und unterstützende Politikerneffe aus der Nachbarschaft, der dem kühnen Mädchen, das seiner Mutter helfen will, dazu verhilft, den Fahrer aus seinem Streik zurück zu holen. Dieser Junge ist es auch, der Wadjda das Fahrradfahren beibringt. Die beiden Kinder repräsentieren in dem Film sehr deutlich, wie wir uns ein natürliches Verhältnis zu einer freundlicheren Moral vorstellen. Sie sind normal genug, um zu überleben – und bringen zugleich völlig Neuartiges in die Welt. Tatsächlich reicht die brutale Welt, in der das ungerechteste Patriarchat mit aller Härte durchgesetzt wird, freilich auf weit schärfere Weise in die Welt des Mädchens Wadjda herein als nur mit dem Verbot, Fahrrad zu fahren.

Dieses Verbot kommt ja aus einer Welt, in der sich alles um Sex dreht und Sex verboten ist: „Willst du, dass dich die Männer hören?“ und „Ein anständiges Mädchen tut so etwas nicht,“ und „der schöne Einbrecher“ bei der Lehrerin. Dazu die Männer auf der Baustelle, die wirklich jedes weibliche Wesen, das vorbei kommt, mit Anzüglichkeiten belästigen – und auf der anderen Seite die wunderschön intonierten, inhaltlich äußerst brutalen Sätze aus dem Koran über die den Männern zu Freude und Trost gegebenen Gattinnen und über die zu vollstreckenden Strafen gegen die Gottlosen.

Das Fahrrad symbolisiert in diesem Kontext den Ausweg für das Mädchen.

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Freilich ist das – wie in allen religiös konservativen und patriarchalischen Gesellschaften – der Ausweg in die Verehrung eines konsequent geschlechtsbereinigten Symbols. Denn dass die Verpönung weiblicher sexueller Selbstbestimmung gnadenlos weiter gilt, wird unmissverständlich durchgezogen. Die Mutter – die immerhin eine für derartige Gesellschaften eher schon untypische Solidarität mit ihrer Tochter zeigt – muss sich, auch wenn sie allein lebt, unter das Diktat ihres Besitzers beugen. Die Eifersucht des Mannes, der gar keinen „Gebrauch“ mehr von seiner Erstfrau macht, weil sie ihm keinen Sohn gebären kann, bestimmt über ihr Leben. Und ihre Antwort ist, trotz allem, Ergebung.

Immerhin betreibt sie nicht die aktive Behinderung der Tochter, wie dies die Schule unternimmt und auch noch lange weiter versucht, als Wadjda sich längst entschieden hat, die Erziehungspläne der Religionskunde zum Vehikel ihrer eigenen Pläne zu machen. Und hier bemerke ich, dass ich immer wieder auch zur Frauenhasserin tauge. Ich sehe so einen Film und denke: wie könnt ihr! Wie könnt ihr diesen Dreck als „Moral“ annehmen und euresgleichen in die „Zucht“ einer solchen perversen, lebensfeindlichen Ideologie nehmen! Der Film spielt es – wohl klugerweise, in Ansehung der Verbindungen der Regisseurin ins saudische Königshaus – nicht aus, aber deutet doch stark genug an, wie es Menschen ergeht, die sich heimlich treffen und in die Hände der Religionspolizei geraten. Solidarisch mit der Perspektive des Mädchens, das ein Fahrrad will und dafür Geld braucht, lässt die Regisseurin das Kind Bestechungsgelder für Botendienste doppelt kassieren – und zeigt doch immerhin ein nachdenkliches Kindergesicht, als in der Erziehungsanstalt für Denunziantinnen bekannt gegeben wird, dass die junge Frau von der Religionspolizei kassiert worden ist.

Und hier bin ich dann platt über die Rezensentinnen „bei uns“: Warum nehmen wir das so hin? Wir wissen doch, dass Folter und sogar Tod das betroffene Mädchen treffen können?

Der Film selbst aber bleibt hier wie in allen anderen Fragen subtil. Die Haifaa al Mansour und ihr großartiges Team zeigen einfach das Leben eines eigensinniges Mädchens, und sie lassen den Film sehr gut enden. Das hartnäckige Festhalten des Kindes an einer Vision, die zielstrebige Durchführung eines Plans, um der Enge der gesetzlichen Dauerquarantäne für Frauen in diesem Staat zu entkommen, bringt, so scheint es, wirklich etwas voran. Zugleich legt der Film auf bedrückende Weise bloß, wie jene Gewaltherrschaften, die bewusst und brutal durchsetzen, dass Männer alle Rechte haben und Frauen keine, schließlich immer eine gewaltige, von Mehrheitsmenschen immer mitbetriebene Deckelung der gesellschaftlichen Produktivität zur Folge haben.

Dieser Film schien mir deutlicher als alles zu sagen: Mag der Koran in seinen schöneren Versen und in einer humaneren Interpretation das tun, was alle Religionen nach dem Willen ihrer jeweiligen weisheitlichen Grundströmungen auch immer tun: den Menschen, unabhängig von ihren Umständen, Liebe und Erbarmen im Umgang miteinander nahebringen – so bringt seine Überhöhung zu irgendeiner Staatsdoktrin und zur alleinigen Quelle gesellschaftlicher Moral ebenso regelmäßig nicht des Beste, sondern das Schlimmste in den Menschen nach vorn. Auch dies hat er mit anderen religiösen Codices gemeinsam. Das ist nicht einmal auf die religiösen Codices, nach denen Gesellschaften sich ausrichten, beschränkt. Auch Wissenschaft ist nicht grundsätzlich dagegen gefeit, dogmatisch zu werden. Vernunft und Gesellschaft brauchen stets eine „offene Stelle“ – sonst können sie sich nicht weiter entwickeln, und die Individuen in ihnen erst recht nicht. Wie entsetzlich in diesem Fall ein dogmatischer Staatskult der Religion hier das Leben würgt, wird überdeutlich. Zugleich sehen wir einzelne Wesen, die sich daran abarbeiten und immer die Suche nach der offenen Stelle im Auge behalten.

Gearbeitet ist das Ganze so zart und so mutig, dass man für einen Augenblick geneigt wäre zu hoffen: Vielleicht schaffen sie es ja doch, with a little help from their friends, die Dinge wieder in eine humanere Balance zu bringen. Was aber könnte besser geeignet sein, die Menschen Balance zu lehren, als ein grünes Fahrrad, auf dem ein energisches Mädchen bis vor zur Hauptstraße fährt?

Mein ceterum censeo werde ich Ihnen dennoch nicht ersparen. Hier wie dort werden die Dinge nur in eine Balance kommen, wenn sich nicht am Sexus entscheidet, wer alle, wer hingegen keine Rechte hat. Zu einer dynamischen und lebendigen Balance gehört ein menschliches Verhältnis nicht nur zur Geisteskraft der Frauen, sondern auch zu ihrer leibseelischen Lust und den entsprechenden Verletzlichkeiten. Ohne individuelle Trennungen und Konflikte als Teil des Lebens ist eine zivilisiertere Gesellschaft nicht zu haben – und auch in der westlichen Welt ist dieser Stand noch nicht erreicht. Es wäre übrigens wohl auch bei uns über den verkrampften Schmock der 50er Jahre nie hinausgegangen, wenn nicht die wahnsinnige Destruktivität der beiden Weltkriege und der Verbrechen des zweiten Weltkrieges die Herrenmoral, die in ihnen durchgezogen wurde, unhintergehbar obsolet gemacht hätte. Nur weil über diese Verbrechen und Katastrophen eben auch bei bestem Design kein Gras mehr wachsen konnte, wurde schließlich die ganze Herrenmoral breitflächig in Frage gestellt und wird es nun immer wieder.

Solidarität mit den Frauen in der islamischen Welt fordert deswegen heute: Sie auf alle denkbaren Weisen zu stärken, wenn sie sich gegen die destruktive Herrenmoral ihrer Umgebung wenden. Dazu gehört aber auch, die Erzieherinnen zu Denunziantentum und Unterwerfung  nicht durchkommen zu lassen, wenn sie „uns hier“ zur Unterstützung solcher Herrenmoral rekrutieren wollen. Aber vielleicht haben wir ja noch mit unseren eigenen emotionalen Gewohnheiten viel mehr zu tun als wir ahnen? Ich werde in irgendeiner meiner Übergangstätigkeiten weiter darüber nachdenken.

Zum Schluss sei das Werk noch einmal allen zum genauen Ansehen und Mitdenken empfohlen. Es ist ein großartiger Film.

Und er zeigt ein Übriges:

In seinem ersten zum Lesebuchstoff für Gymnasien aufgestiegenen Text Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit schrieb Walter Benjamin:

Die Einzigkeit des Kunstwerks ist identisch mit seinem Eingebettetsein in den Zusammenhang der Tradition. Diese Tradition selber ist freilich etwas durchaus Lebendiges, etwas außerordentlich Wandelbares.

http://www.nanoaesthetik.de/texte/Benjamin_kunstwerk.pdf  (Abschnitt IV, Anfang)

Benjamin bedauert mit Blick auf bildende Kunst, wie die Reproduktionen der Werke nur die Illusion von Verständnis erzeuge, die einzigartige Aura jedes einmaligen Werks aber fast schon negiere. Zugleich stellt er im selben Kapitel fest: 

In dem Augenblick aber, da der Maßstab der Echtheit an der Kunstproduktion versagt, hat sich auch die gesamte soziale Funktion der Kunst umgewälzt. An die Stelle ihrer Fundierung aufs Ritual tritt ihre Fundierung auf eine andere Praxis: nämlich ihre Fundierung auf Politik.

Für den Film ist das kein Negativurteil, sondern eine Chance. Jedenfalls da, wo es sich – wie hier – um wirkliche Filmkunst handelt. Da wird das Zusammenspiel von ikonischer Dauerkraft eines Werkes und politischer Fundierung enorm schöpferisch. Für mich jedenfalls hatte es einen großen Effekt. Schon an diesem einen relativ neuen Kunstwerk in einer gegenüber dem Erscheinungsjahr erstaunlich stark veränderten Zeit eröffnete es  neues Sehen aus alten Bildungserfahrungen – und ich durfte daran noch einmal eine neue Selbstpositionierung entwickeln. Vor allem jedoch ist der Film auch einfach schön.